Mehr als eine Party: deadHYPE über Community, Kultur und die Berlin Fashion Week

deadHYPE und ihre berühmt-berüchtigten BFW-Openings: „Nicht einfach irgendein Party-Kollektiv“

Mit der bevorstehenden Berlin Fashion Week SS27 – und damit einer weiteren Opening Party von deadHYPE – haben wir uns mit Bernard Koomson und Johannes Dreier, dem Duo hinter dem Kollektiv, zusammengesetzt. Wir haben mit ihnen über Berlin, seine Community und darüber gesprochen, was es bedeutet, in einer Stadt, die niemals stillsteht, etwas von kultureller Bedeutung aufzubauen. Von Partys über Panels bis hin zu Printmagazinen hat deadHYPE ein eigenes Ökosystem geschaffen – getragen von Offline-Erlebnissen, bei denen Menschen zusammenkommen, sich vernetzen und gemeinsam etwas Bleibendes schaffen.

Bernard, Johannes, deadHYPE hat sich rund um das Thema Community einen starken Ruf aufgebaut. Wie definiert ihr Community heute in einem kreativen Kontext?

Johannes: Ganz einfach: Gleichgesinnte kommen zusammen und teilen dasselbe Interesse an Style, Mode und Musik.

Bernard: Durch das Internet sind viele Subkulturen schwieriger zu finden, weil alles so breit und leicht zugänglich geworden ist. Deshalb ist es wichtig, wieder Räume ohne Vorurteile zu schaffen – Räume, in denen Menschen experimentieren, verschiedene Dinge ausprobieren und sich frei ausdrücken können. Für uns ist nichts wichtiger als die Menschen, die zu unseren Veranstaltungen kommen. Genau das bedeutet Community für uns.

Was braucht es in einer Stadt wie Berlin, damit aus Community etwas Substanzielles wird und sie nicht nur ein symbolisches Schlagwort bleibt?

Johannes: Berlin ist eine ziemlich große Stadt und es ist immer viel los. Gerade weil sie so groß ist, fehlt den Menschen manchmal die Verbindung zueinander und sie wissen nicht, wo sie andere kennenlernen können. Genau darauf versuchen wir mit allem, was wir tun, einzugehen. Viele behaupten, eine Community zu haben. Ich glaube aber, dass es uns tatsächlich gelungen ist, eine aufzubauen: Wir veranstalten viele Workshops, Events und Partys und schaffen Räume, in denen alle Kontakte und Freundschaften knüpfen und sich gegenseitig zu eigenen kreativen Projekten inspirieren können.

Berlin wird oft als Kreativmetropole bezeichnet, aber nicht immer als Modemetropole. Welche Rolle spielt die Stadt aus eurer Sicht in der internationalen Modelandschaft?

Bernard: Berlin wird vielleicht nicht als Modemetropole wahrgenommen, aber Berlin ist eine Modestadt. Es ist alles so mühelos, so echt und organisch. Wenn ich nach London komme, sehe ich Menschen, die sich sehr bemühen, so auszusehen, als kämen sie aus Berlin – in Balenciaga und New Rocks, um dieses punkige Gefühl von hier zu übertragen. In Berlin dagegen ist der Stil so selbstverständlich, dass die Menschen gar nicht groß darüber nachdenken oder das Bedürfnis haben, die Stadt als Modestadt zu bezeichnen. Mode liegt einfach in der DNA Berlins.

Johannes: Ich glaube, in Berlin haben die Menschen wirklich die Freiheit, sich auszudrücken. In anderen Städten würden sie für die Art, wie sie sich kleiden, stärker verurteilt. Ich sehe viele junge Menschen, die aus kleinen Orten in Deutschland hierherkommen. Auf ihrem Instagram-Profil kann man dann beobachten, wie sich mit der Zeit auch ihr Stil weiterentwickelt. Berlin ermöglicht es den Menschen, wirklich sie selbst zu sein und sich so zu kleiden, wie sie möchten. Und das finde ich cool.

Wie hat sich die Modelandschaft in Berlin aus eurer Sicht entwickelt, seit deadHYPE 2019 in die Stadt gekommen ist?

Bernard: Lange Zeit hat niemand die Berlin Fashion Week wirklich ernst genommen. Es brauchte einen Moment, ab dem sie mit derselben Bedeutung behandelt wurde wie Paris oder Mailand. In dieser Hinsicht hat der Fashion Council Germany eine entscheidende Rolle gespielt. Mit kulturellem Programm, entsprechenden Investitionen und der Zusammenarbeit mit der Politik wurde ein großer Schritt gemacht, um Berlin, seine Designer:innen und seine Kunst als etwas zu positionieren, das mit anderen Modemetropolen konkurrieren kann.

Johannes: Ich möchte ergänzen, dass wir ganz klar sehen, wie die Relevanz kontinuierlich steigt. Seit vier oder fünf Jahren veranstalten wir zweimal jährlich die Opening Party. In dieser Zeit ist die Nachfrage von Menschen, die zu unseren Events kommen möchten, deutlich gewachsen. Auch das Publikum wird immer internationaler.

Bernard: Hier kommen so viele Kulturen zusammen, die jeweils ihre eigene Identität in Berlin einbringen konnten. Ich glaube, dass dieser Multikulturalismus neue Denkweisen in die Stadt bringt.

In eurem jüngsten Academy-Format ging es unter anderem um den Aufbau einer nachhaltigen Karriere, Machtdynamiken in der Zusammenarbeit mit Kund:innen oder Marken und die Frage, wie sich Geschmack in Kapital verwandeln lässt. Warum war es euch wichtig, einen Raum für diese Gespräche zu schaffen?

Johannes: deadHYPE ist mehr als nur irgendein Party-Kollektiv. Wir sind ein funktionierendes Unternehmen und arbeiten mit vielen unterschiedlichen Kund:innen zusammen. Sponsoren wie Reebok ermöglichen es uns, Veranstaltungen in dieser Größenordnung umzusetzen. Damit ist aber auch viel Arbeit im Hintergrund verbunden: Man muss sich mit Steuern und dem Aufbau eines Unternehmens beschäftigen. Dieses Wissen möchten wir mit unserer Community teilen. Deshalb veranstalten wir die Academy und die Workshops. Wir wollen Menschen, die selbst etwas aufbauen möchten, zeigen, wie das funktionieren kann, und ihnen die passenden Werkzeuge an die Hand geben.

Bei der kommenden BFW Opening Party möchtet ihr Mode und Community erneut an einem Ort zusammenbringen. Was können die Gäste erwarten?

Bernard: Im vergangenen Jahr haben wir die BFW Opening Party gemeinsam mit Reebok veranstaltet. Es war wirklich schön, mit einer Sportmarke zusammenzuarbeiten, die so eng mit Tradition und Kultur verbunden ist. Deshalb freuen wir uns, auch dieses Mal wieder mit Reebok zu arbeiten – genau rechtzeitig zur Weltmeisterschaft. Das ist ein großartiger Moment, um gemeinsam mit einer Sportmarke das Zusammenspiel von Mode und Fußball aufzugreifen und alles etwas spielerischer und unterhaltsamer zu gestalten.

Johannes: Wir versuchen außerdem, der Fashion Week diese sehr ernste Note zu nehmen, die manchmal mit ihr einhergeht. Wir wollen Partys veranstalten, die wirklich Spaß machen. Auf unseren Events tanzen die Menschen tatsächlich stundenlang ohne Pause und genießen ihre Zeit, statt nur herumzustehen, ihre Outfits in Szene zu setzen und möglichst ernst auszusehen.

Warum sind solche Zusammenkünfte in einer Zeit wichtig, in der große Teile der Branche digital geworden sind?

Bernard: Wir sind letztlich eine Offline-Community. Es geht um das Erlebnis, darum, den Moment gemeinsam zu erleben und einen Ort zu haben, an dem man seine Leute, seine Gruppe, seine Community finden kann. Für uns überdauert das alles Digitale. Das Digitale ist nur die zweite Ebene.

Johannes: Wir haben ebenfalls das Gefühl, dass zu viel online stattfindet, und versuchen immer, dem etwas entgegenzusetzen. Vor einigen Jahren haben wir unser halbjährlich erscheinendes Hardcover-Printmagazin veröffentlicht. Für uns ist das ein Herzensprojekt, weil wir etwas schaffen möchten, das bleibt – etwas, das nicht im endlosen Scrollen verschwindet.

Bernard, du verfügst über langjährige Erfahrung in Strategie und Influencer-Marketing und hast zudem als Berater in der Musikbranche gearbeitet. Kann eine Party auch ein strategischer Schritt sein?

Bernard: Willst du jetzt aufdecken, wie corporate wir eigentlich sind? (lacht) Natürlich steckt darin auch ein gewisses Maß an Strategie. Wir bauen auf einer Formel auf und nehmen das ernst. Es ist unsere Arbeit. An unseren Veranstaltungen ist eine so große Gruppe von Menschen beteiligt, dass es strategisch zugehen muss, damit niemand seine Zeit verschwendet und alle ein klares Ziel und eine gemeinsame Vision haben.

Interview: Sinah Griessler