202030

Interview mit FRIEDERIKE VON WEDEL-PARLOW, Beneficial Design Institute

"Mode gehört von Grund auf neu gedacht."

Friederike von Wedel-Parlow, ist Professorin an der Akademie für Mode & Design in Berlin und unterrichtet dort Sustainable Design Strategies in der Modebranche und Kreativwirtschaft. Sie verkörpert die Achse zwischen Vision und praktischer Umsetzung von ganzheitlichen Gestaltungsansätzen in der Modebranche. Was sie antreibt, ist ihr spezifisches Verständnis von Nachhaltigkeit, als Verbindung von Qualität, Innovation und Schönheit.
Sie setzt auf eine neue Generation von und jungen, bewussten Konsumenten und Unternehmern, die Mode als positiven Beitrag zu unserer Welt sehen und in diesem Sinne gestalten und feiern.

Interview: Uta Gruenberger

Aus deinem Masterprogramm sind schon einige wirkungsvolle junge Nachhaltigkeitsdenker und -kämpfer hervorgegangen. Welche Menschen haben deinen eigenen Weg geprägt?

Also, ich habe Modedesign ja von der Pike auf gelernt, mit Schneiderlehre und allem, was dazugehört. Aber erst durch Vivienne Westwood hat sich im Studium an der Universität der Künste mein Verständnis von Qualität geformt und definiert. Nämlich wie wichtig es für die Gestaltung relevanter und zukunftsfähiger Mode ist, Qualität in Einklang mit Innovation und Schönheit zu bringen. Von Vivienne Westwood habe ich auch die tiefgehende, historische und ethnische Quellenstudie gelernt, anhand der man überhaupt erst jenseits von Trends essenziell Neues kreieren kann. Auch die ganz praktische Erforschung und Entwicklung der Kleider am Körper, wie sich die Stoffe um ihn legen, Form und Halt geben, so auch direkt Einfluss auf unsere Haltung und unser Sein nehmen. Dieses profunde wie auch freigeistig unkonventionelle Denken versuche ich an meine Studenten weiterzugeben – sie dafür zu begeistern.

„Ich bin sehr stolz auf meine jungen Botschafter, die mit ihrem Engagement und ihrer mutigen Message in der Welt wirklich etwas bewegen.“

Ina Budde zum Beispiel mit ihrem internationalen Unternehmen circular.fashion, Renana Krebs mit Algalife oder Ricardo Garray, der seine Botschaft in der UN in New York vorgetragen hat – großartig!
Aber zurück zu meinen eigenen Mentoren und Vorbildern. Inspiration für die erste gemeinsame Kollektion mit Regina Tiedeken war das prozesshafte, skulpturale Denken von Buckminster Fuller. Er war für unsere Entwicklung des Labels fundamental. Damals 2001 fabrizierte ich unter anderem für Greenpeace und VW die ersten Prototypen von Solarzellen-Taschen. Aber all dies eher aus der Lust und einem Gespür für Zeitgeist heraus, auch wenn Fullers Manual for Spaceship Earth schon zu jener Zeit meinen Anspruch an den Benefit für das Gesamtsystem stark beeinflusste und ja, prägte.

Und dann hast du Michael Braungart mit seinem „Cradle to Cradle“-Designkonzept für dich entdeckt?

Das war dann später, 2011, als man mich einlud, auf der ESMOD Berlin einen Studiengang für Sustainable Design Strategies aufzubauen. Damals betrieb ich mit Regina Tiedeken noch eine eigene Modekollektion „Von Wedel & Tiedeken“. Das waren Kleider, die quasi als 24/7-Lebensbegleiter dienlich sein sollten – mit Kind auf dem Spielplatz und dann abends zum Ausgehen. Aber ich seh uns beide noch in Paris auf der Messe stehen, zwischen all den anderen, ambitionierten Jung-Designern, die wie wir von Saison zu Saison hetzten, mit Kollektionen für Menschen, die ihre Kleiderschränke eh schon voll haben, und …

„… mit dieser Sehnsucht nach viel intelligenteren Lösungen, Mode zu leben und zu feiern.“

Da war Baungarts „Cradle to Cradle“-Vision dann tatsächlich der Wendepunkt in meiner Designer-Karriere und der Fokus meiner Lehre im Master-Studiengang richtete sich nun konsequent auf die Kreislauffähigkeit – mit einer absolut positiven Intention und Zielsetzung. Dieser Denke entsprechend kam damals die erste Bio-Baumwoll-Kollektion von Trigema auf den Markt. „Eat me“ stand auf den T-Shirts, die man theoretisch ins Müsli hättest shreddern können. So gesund waren die Inhaltstoffe gestaltet.

„Diese ganzheitliche Verbindung von Qualität, Innovation und Schönheit – so verstehe ich Nachhaltigkeit.“

In dieser Zeit etablierte sich auch meine berufliche Achse zwischen akademischem Unterrichten der neuen Generation von Mode-Studenten, die nämlich selbst höchst kritische Konsumenten sind. Und andererseits dem strukturellen Beraten und systematischen Umsetzen von nachhaltigen Transformationskonzepten und -prozessen direkt vor Ort in den Fabriken und Produktionsstätten der Textilfirmen. Man muss den Herstellungsprozess live erleben, bevor man mit schönen Theorien daherkommt.

Wirken dein „Fair Fashion Guide“ oder die Studie für die Christliche Initiative Romero deshalb so lebensnah?

In der Tat ist das praktikable Umsetzen von Nachhaltigkeit im Alltag, im realen Leben, mein größtes Anliegen. Und ganz wichtig dabei: eine neue, positiv motivierende Haltung und Sprache! Mit schlechtem Gewissen und Null-Emission-Zielsetzung bewirken wir nicht den nötigen Bewusstseinswandel und das bewusstere Handeln in unserer Gesellschaft. Diese Transformation schaffen wir nur über die Lust und die Freude, über die Emotion. Dazu gehört eine ganz neue Art der Kommunikation. Auch eines anderen Umgangs mit Fashion-Fans und -Kunden, nämlich als „Wertschätzer“ und „Nutzer“ von Mode.

„Wir brauchen eine gemeinsame, positive Vision“.

Das derzeitige Hauptmanko ist dieses Gap zwischen den Bewertungskriterien. Einerseits stehen wir vor dem Spiegel und fragen uns: „Steht mir die Kleidung – Schnitt, Farbe, Style? Und auf einem ganz anderen Blatt stehen, wenn überhaupt, die Fragen nach der Herkunft des Materials, der Chemie-Verwendung, der Produktionsumstände, wie im schlimmsten Fall Kinderarbeit usw. Diese beiden Welten von generellem Qualitätsverständnis müssen zu einer natürlichen Einheit zusammenwachsen, verschmelzen. Das wäre dann ein wirkungsvoller Nachhaltigkeitsbegriff – der entscheidende Schritt. Diese Verbindung versuchen wir gerade mit einem Projekt für Armedangels namens „Sustainable Natives“. 

Gibt es einen Traumkunden, den du gerne beraten würdest?

Na klar! Ein klassisches, großes Modehaus wäre wunderbar. Bei Westwood hat zumindest schon das Verankern einer Anti-Plastik-Strategie funktioniert, nach unseren Gesprächen über die langfristigen Folgen von Mikropartikeln und Polyester. Aber ansonsten ist Stella McCartney auf weiter Flur die einzige Designerin in der Größenordnung, die zumindest konsequent auf Tierprodukte und Felle verzichtet. Sie hat sich mit den Kreislaufthemen schon früh auseinandergesetzt und wurde zur prominenten Vorreiterin in der Fashion-Branche. Leider hält sich die Gefolgschaft auf diesem Design-Niveau in Sachen Transparenz und Green Fashion noch sehr in Grenzen.

„Die aktuellen Studien sprechen von weniger als 5 Prozent nachhaltig produzierten Produkten.“

Das heißt, dass 95 Prozent aller Textilprodukte noch nicht auf der Sustainable-Schiene sind. Klar, hie und da gibt es eine Bio-Baumwoll-Kollektion, aber per se sind es entweder junge Nachwuchsdesigner, sprich Kleinst-Unternehmer oder Outdoor-Firmen wie Vaude und Patagonia, die auf Nachhaltigkeit als Core ihres Business aufbauen. Die Verbindung von High-End-Ästhetik und Design mit grundlegender Nachhaltigkeit in einem der großen Modehäuser zu implementieren – das wäre in der Tat ein Traum.

Zeigt „Corona“ eine Wirkung in der Branche?

Nun, man kann sagen, die Pandemie funktioniert wie ein Brennglas. Sie zeigt ziemlich deutlich, wo Lieferketten viel zu global, auf schnellen Gewinn und dadurch erschreckend instabil angelegt sind. Aber auch, wie hemmungslos in der Branche zum Teil versucht wird, mit nun unverkäuflichen Kollektionen aus Bangladesch oder anderen finanziellen Verpflichtungen herumzutricksen.
Gleichzeitig bekommen wir berührende Beispiele, wie ein grundsätzlich anderes, neues Denken aussehen kann. Armedangels hat seinen Bio-Baumwoll-Herstellern der Reihe nach Kühe für ein Alternativ-Einkommen auf die Wiesen gestellt, um sie über diese harten Zeiten zu bringen. Kann man fragen, was hat ein Modehersteller mit Rindern zu tun? Nun, exakt so viel wie Seidenraupen und somit Schmetterlinge für die Agrar-Befruchtung essenziell sind. Es geht um wahre Schönheit. Ein solch systemisches Denken ist zu schaffen! Es stünde uns gut zu Gesicht.