Mode, Mensch, Maschine

Berlin, 14.07.2026

Berlin Fashion Week SS27: Ein Blick auf die neuen Kollektionen eröffnet Perspektiven auf die drängendsten Themen unserer Zeit

Futuristische High-Tech-Architektur in der Messe ICC oder schnörkelreicher Barock im Schloss Charlottenburg, das stilvolle Museum Fotografiska oder das elegante Hotel Adlon: Vom 2. bis zum 5. Juli bot Berlin den 53 Modenschauen der Berlin Fashion Week einzigartige urbane Kulissen. Doch auch wenn die Stadt mitunter selbst zum Thema wurde – etwa bei der Marke Sample030, die den Flughafen Tempelhof als historischen Ort der Begegnung erlebbar machte – ermöglichten einige Designer:innen mit ihren Kollektionen eine melancholische Stadtflucht.

Andrej Gronau machte den Garten als Ort permanenter Veränderungen erlebbar, zeigte Siebdrucke floraler Sujets und erdige Naturtöne zu tropischen Blütenfarben. Auch Marie-Louise Müller entführte in einen eskapistischen Garten und rebekka ruétz übersetzte rätselhafte Wetterphänomene in vielseitige, wechselhafte Silhouetten.

Um Kontakt- wie Kontrapunkte zwischen Umwelt und Technologie, Mensch und Maschine ging es in den Kollektionen von IMPARI und esther perbandt, die mit ihrer markeneigenen KI eine digitale Capsule Collection vorstellte. Taskin Goec wiederum schuf Verbindungen zwischen der jahrhundertealten Tradition des Schattentheaters und den modernen Workflows der digitalisierten Gegenwart.

Ganz anders übersetzte das Label Haderlump Atelier Berlin das Thema Arbeit, indem es zwischenmenschliche Dynamik und gesellschaftliche Ordnung im Kontext traditioneller Hotellerie erforschte. Auch KOLYA BOGATYREV widmete sich den Codes von Uniformen und formeller Kleidung. Der Mensch nicht als Arbeitskraft, sondern als Charakter, stand im Mittelpunkt der Show von UNVAIN – eine formenreiche Kollektion, die Kontaktzonen zwischen Kleidung und Körper, Performanz und Persönlichkeit untersuchte.

Weniger um die äußere Hülle als die Tiefen menschlicher Empfindungen ging es Kasia Kurchaska, deren Latex-Entwürfe mit Trompe-l’œil-Effekt den Unterschied zwischen wahrhaftiger und gefühlter Realität andeuteten, oder dem nigerianischen Label Fruché, dessen überformte Silhouetten Fragen nach Körper- und Selbstwahrnehmung aufwerfen. Auch Malaikaraiss, die mit ihrer Show ihr 15. Firmenjubiläum feierte, interessiert sich für das Unvollkommene, das bei ihr zur Schönheit, zu fließenden Silhouetten und starken Farbkontrasten wird.

Milk of Lime thematisierten die hoffnungsvolle Phase zwischen Zerstörung und Neuanfang, SF1OG die vielen Graustufen zwischen Gut und Böse. Und auch die Marke John Lawrence Sullivan aus Japan suchte bewusst den Kontrast – zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit, Vernunft und Begehren, Schönheit und Abscheu.

Gleich mehrere Labels setzten sich außerdem mit dem Thema Erinnerung auseinander, darunter MARKE mit einer an Virginia Woolfs Romanfigur „Orlando“ angelehnten Kollektion, oder das Label Nowrubi, das seine Kollektion als multisensorisches Konzept vorstellte. WILLIAM FAN nahm sich einer ganz anderen Erinnerungsform an – dem Aufbewahren und Sammeln, den Souvenirs, die ihn zu skulpturalen Schnittlösungen und effektvollen Materialveredelungen inspirierte. Selva Huygens‘ avantgardistische Upcycling-Entwürfe standen unterdessen im Zeichen des Space Age – des positiv konnotierten Futurismus der Sechzigerjahre also –, während Marina Hoermanseder ebenso eine Weltraumkollektion in ihrem unverwechselbaren Stil vorstellte.

Vollkommen im Hier und Jetzt sind die Kollektionen verortet, die sich mit wandelbaren Rollenbildern auseinandersetzen: Mariusz Przybylski eröffnete mit fließenden Linien und präzisem Tailoring neue Perspektiven auf Männlichkeit; clara colette miramon widmete sich hyperfemininen Symbolen wie Blüten oder Meerjungfrauen. Laura Gerte ließ sich von einem feministischen Manifest der Dichterin Mina Loy und das dänische Label Martin Quad von den Selbstporträts der US-amerikanischen Fotografin Francesca Woodman inspirieren.

Um eine andere Form der Resilienz ging es bei der nigerianischen Marke Orange Culture: Sie erinnerte an die Stelzensiedlung Makoko – einem Sinnbild für die Fähigkeit, sich unter schweren Lebensbedingungen anzupassen und zu behaupten. BUZIGAHILL aus Uganda erinnerte an die 1960er und 1970er, in denen ostafrikanische Staaten Unabhängigkeit erlangt hatten. Auch das mexikanische Label BARRAGÁN setzte sich mit Fragen der Identität, Freiheit und Selbstbestimmung auseinander. Die Skatermarke DAGGER verortete ihre Kollektion in jenem Lebensabschnitt, in dem sich die Persönlichkeit überhaupt erst formt – erinnerte an die vielen ersten Male, die das Erwachsenwerden mit sich bringt.

Ganz eigene Signale sendete das Label GmbH mit der finalen Show der Woche im Kronprinzenpalais: Die beiden Designer Serhat Işık und Benjamin Huseby ließen sich von Berliner Couturiers längst vergangener Jahrzehnte zu einer eleganten Formsprache, dezenter Farbwahl und aufwendigen Schnittlösungen inspirieren. In Anbetracht erstarkender rechter Strömungen soll ihre Erinnerung an eine Blütezeit der Berliner Mode, die durch die Nationalsozialisten nachhaltig zerstört worden war, auch als Mahnung gelesen werden. Die Marke, die mit der Modenschau ihr zehnjähriges Firmenjubiläum feierte, hatte in diesem Jahr den FCG/VOGUE Fashion Fund gewonnen: Den Förderpreis vergeben der Fashion Council Germany und Vogue Germany gemeinsam; das Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro wurde in diesem Jahr durch die Kosmetikmarke KIKO Milano bereitgestellt. Die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe hat GmbH zudem bei der Showumsetzung unterstützt.

Neben thematischen Schwerpunkten waren den Kollektionen auch rein ästhetische Prämissen gemein; gleich mehrere Designer:innen wie WILLIAM FAN und Laura Gerte entschieden sich etwa für plissierte Materialien, andere Labels wie BUZIGAHILL und SF1OG präsentierten hybride Hosenmodelle zwischen Buntfalte und Jogger. In Berlin wird Mode als gut gestaltete Oberfläche – und als tiefgehendes Kulturgut sichtbar.

Wir danken allen Partnern der Berlin Fashion Week für die Unterstützung: Epic Drive für den exklusiven Chauffeurservice, der das Fachpublikum komfortabel und sicher von Termin zu Termin brachte; das Hotel Zoo Berlin für die Bereitstellung stilvoller Räume für Events und auch für die Unterbringung unserer internationalen Gäste; Lefty für die Unterstützung als Influencer-Marketing-Plattform, Martini für kühle Drinks und Airbnb für die ganz neue Partnerschaft mit der Berlin Fashion Week.

Das gesamte Bildmaterial steht im offiziellen Media Hub zum Download zur Verfügung. Hier finden Sie weitere Informationen zu Shows und Präsentationen, zum Rahmenprogramm und den internationalen Gästen. Die nächste Berlin Fashion Week findet vom 29. Januar bis 1. Februar 2027 statt.